„Debussy strahlt verführerische Kräfte aus von geheimnisvoll hinreißendem Zauber.

Seine Position an der Schwelle der Neuen Musik gleicht einem Pfeil, der einsam in die Höhe schießt.“

Pierre Boulez

Die Präsenz des Augenblicks - Gedanken zur CD „Écoutez!“

 

Von Sheila Arnold

Es ist schon fast eine kleine Evolutionsgeschichte, die zu einem Zeitpunkt begann, an dem ich mir bestimmte Stücke „von der Seele“ spielen wollte. Stücke, die mich in meinem Leben lange begleitet haben und zu denen ich ein besonderes persönliches Verhältnis habe.

Damals waren es die G-Dur Sonate und die die Vier Impromptus D 899 von Franz Schubert sowie die Images Heft I von Claude Debussy. Eingespielt. Und fast vergessen… andere CDs wurden veröffentlicht, der Schubert auch…

... bis mich der Tonmeister, Holger Urbach, nach Jahren darauf aufmerksam machte, dass es da noch diese Aufnahme vom Debussy gäbe, die ihm sehr gut gefiele und ob ich die denn nicht ergänzen wolle.

Aber womit? Sicherlich einige der Préludes. Welchen Aspekt Debussy’scher Musik wollte ich ins Zentrum der Überlegungen stellen? Es gäbe so viele. Den pointierten Humor, Einflüsse anderer nationaler Kolorite, Wegweiser einer neuen Harmonik, die Sinnlichkeit seiner Musik, Bezug zur französischen Poesie, der Einfluß östlicher Kulturen, der Japonisme in Frankreich, die poetisch-mystische Wahrnehmung der Natur, seine stete Rückbesinnung auf die Musik des französischen Barock mit seiner Klarheit und Finesse (er hat sich als Herausgeber sehr für die Musik Jean-Philippe Rameaus eingesetzt und signierte desöfteren mit „musicien francais“),  die Entmaterialisierung des Instruments „Klavier“ (er wollte, dass man die Hämmer des Flügels nicht mehr hört), die Durchlässigkeit und der nahezu transzendentale Zustand des Spielers…

Es kristallisierte sich die Idee heraus, japanische Musik im Sinne von Haikus hinzuzunehmen. Klare Linien, Reduktion und die Präsenz des Augenblicks. Aber auch die wissend-assoziative Wahrnehmung des Unausgesprochenen. 

Haikus wurden es zwar nicht, aber über die Werke Toru Takemitsus kam ich dem Wesen der Stille und des Tones näher. Ein Aspekt, über den sich auch Debussy geäußert hat und der ihm in seiner Musikauffassung wichtig ist. Was wir in seiner Musik manchmal als „fernöstlich“ wahrnehmen, ist nicht vorrangig die Intervallik (Pentatonik oder leere Quinten und Quarten, das ist nur die Oberfläche), sondern eben das, „was zwischen den Noten ist“.  „Musique, c’est qu’est-ce qu’il y a entre les notes“, wie er es selbst ausdrückt. Es ist die Philosophie des Hörens an sich und die differenzierte Wahrnehmung all dessen, was uns mit seiner Resonanz umgibt.

John Cage ist dann nicht mehr weit und mit ihm die „Entmaterialisierung des Instruments“ – allerdings durch die Hinzufügung von Material. Paradox eigentlich. Diese unglaublich sinnliche Seite seiner „Sonatas and Interludes“ wurde mir erst bei der eigenen Beschäftigung mit ihnen klar. Reine Meditation - im Nachlauschen genauso wie im pulsierenden Rhythmus. Dieselbe Verschmelzung von Ton und Stille wie in der japanischen Kultur. Damit geht auch einher die Akzeptanz des vermeintlich Störenden, welches nicht zu ändern ist. Entstehung innerer Gelassenheit und somit eine Verfeinerung des (Zu-)Hörens an sich.

Eng mit diesen Gedanken verbunden ist das dem Programm innewohnende Element der Emanzipation der Dissonanz. Die Loslösung von jeder Funktionalität – zunächst des Akkordes bei Debussy, dann des einzelnen Tones bei Takemitsu und nicht zuletzt alles klingenden und der Stille bei Takemitsu und Cage.

Dabei ist das Programm gespickt mit höchster Virtuosität und dynamischen Extremen. Es erlaubt kein bequemes Hören, sondern erfordert ein aktives Zuhören. Écoutez!

Viel Vergnügen!

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